Der feuchte Traum

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten stecken viel Energie in Form von Geld der Beitragszahler in das „Digitalradio“, genauer: DAB+. Alles sei besser damit, ein aktueller Radiospot behauptet, man könne quer durch die Republik fahren und seinen Lieblingssender in Top-Qualität hören. Wir sehen das differenzierter.

Es ist tatsächlich so, dass DAB+ eine beeindruckende Qualität liefert. Allerdings gibt es Einschränkungen, die in der Werbung unerwähnt bleiben. So bekommt man fast nur öffentlich rechtliche Sender via DAB+. Lokale Stationen oder aus dem UKW-Bereich bekannte und verbreitete Privatsender fehlen. Das ist kein Bauchgefühl, das bestätigt die Liste bei Wikipedia.

Was diese Liste ebenfalls offenbart: Die Idee, man könne von den Alpen bis an die Meer seinen Lieblingssender hören, scheitert schlicht daran, dass selbst wenn der Sender auf DAB+ ausstrahlt, ein bundesweiter Empfang bis auf wenige Ausnahmen gar nicht unterstützt wird. Der in Deutschland eingeschlagene technische Weg führt sogar dazu, dass mit den verwendeten Geräten die Welt ein Flickenteppich ist. Selbst die im Tenor außerordentlich wohlwollend formulierte Informationsseite Digitalradio.de kann sich abschließend nur zu einem Hinweis auf weltweite Tests durchringen.

Wobei das hier vor Ort eher akademisch ist. Denn abgesehen von dem Umstand, dass mein Lieblingssender womöglich gar kein DAB+ Sender ist, ist der Emfpang mit DAB+ keineswegs so toll, wie die Werbung suggeriert. Das hat ein Selbstversuch gezeigt. Mit dem tragbaren DAB+ Empfänger der Mittelklasse eines deutschen Markenherstellers waren die Hör-Ergebnisse sehr durchwachsen.

Kein Knistern?

Das stimmt nur bedingt. Es knistert anders, irgendwie elektrisch. Wobei viel nerviger ist, dass der Empfang speziell bei schlechterem Wetter oder Gewitter nicht rauscht, sondern komplett aussetzt. Denn der DAB+ Empfänger kann keine Übertragung mehr anbieten, weil Digital den wunden Punkt hervorhebt: Während UKW fehlende Information mit Rauschen ersetzt und der Hörer selbst in stark verrauschten Tonfetzen die Sturm-Warnung hören und reagieren kann, bleibt ein DAB+ Radio bei ungenügender Datenmenge einfach stumm.

Da viele Gemeinden aus Kostengründen die Sirenen bereits vor Jahren von den Dächern geschraubt haben, ist dass doppelt bedenklich, denn eine Warnung der Bevölkerung via DAB+ Radio wird witterungsabhängig technisch eingeschränkt, ist also ausgerechnet in Gefahrensituationen unzuverlässig.

Von den Alpen bis zum Meer?

Der verwendete Empfänger wird ohne Positionsveränderung regelmäßig stumm und führt nach einer Weile einen Sendersuchlauf durch, damit ein anderer Sender wiedergeben wird. Das passiert nicht jeden Tag, dafür an manchen Tagen nervtötend oft. Es kommt durchaus der eingestellte Sender wieder. Allerdings ist bereits die auftretende plötzliche Stille eine starke und störende Ablenkung.

Das lässt annehmen, dass die Übertragungsleistung der Sender selbst bei konstanten Witterungsbedingungen stark schwankt. Bei idealen Bedingungen, also mit großzügiger Antenne und stationäre Aufstellung, sollte das kein Problem sein. Denn wenn es bereits hier passiert, wie nervig wird dann wohl eine Radtour mit dem Gerät? Das ist ein portables Gerät, sollte also entsprechende Schwankungen ausgleichen können. Wobei selbst ausgefeilteste technische Lösungen an „kein Signal“ scheitern.

Der Standard der Zukunft?

Standards lassen sich — natürlich — per Dekret beschließen. Ob dieser Standard alltagstauglich ist, wird von den Entscheidern leider häufig politischen und strategischen Überlegungen untergeordnet. Welche bei der Einführung von DAB+ treibend sein könnten, lässt sich zwar erahnen, aber nicht beweisen.

Bleibt die Abwägung, was für die Bevölkerung von höherem Wert ist: Wenn es klappt, knisterfrei hören steht dabei einer deutlichen Abnahme der Vielfalt gegenüber. Wobei mit Vielfalt nicht die Anzahl der verfügbaren Kanäle gemeint ist. Denn ca. 10 verschiedene Angebote des NDR im DAB+ Angebot im Raum Braunschweig ersetzen kein RTL oder ffn.

Das soll keine Wertung sein, wer das bessere Radioprogramm liefert. Aber wir wissen aus unserer Geschichte, wohin es führt, wenn Information nur aus einer Hand kommt. Genau dem soll der Rundfunkstaatsvertrag im Grundgedanken entgegenwirken. Die Väter dieses Vertrages haben wohl kaum damit gerechnet, dass ausgerechnet der pluralistische Gedanke eines freien und unabhängigen Rundfunks von den damit privilegierten Anstalten systematisch angegriffen und demontiert wird.

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