Die Geldverbrenner

Die weltgrößte Computermesse in Hannover, die CeBIT, wäre natürlich nichts, gäbe es dort keine Präsenz der öffentlich-rechtlichen Rundfunk­anstalten. Mit solider Team­stärke wurde dort DAB+ beatmet. Eine Bestandaufnahme.

Auf der Seite „Digitalradio.de“ wird die Deutschland­abdeckung von DAB-Radio gezeigt. Noch immer ist die löchrig bis nicht existent. Speziell im Osten gibt es reichlich „Täler der Ahnungslosen“. Aber auch im Herzen der Republik ist die Netzab­deckung (Stand März 2013) noch längst nicht erreicht.

Ein Selbstversuch auf der Seite führt zu einer ziemlichen Ernüch­terung: außer den regional zuständigen öffentlich-rechtlichen Sendern werden noch ein paar private angeboten, die sich aus religiösen oder sehr eng umriss­enen Themen­quellen (Fußball) speisen. Mit dem entsprech­enden tendenz­iösen Programm. Dazu noch ein Berliner und hessischer Regional­sender (Testgebiet: Braunschweig, Niedersachsen). Alles in allem 22 Sender. Die meisten davon gibt es mit gleicher Qualität als Stream über das Internet. Das ist deshalb bemer­kenswert, weil immer von so toller Qualität bei DAB die Rede ist. Die Sende­bitraten der Sender und das Vergleichs­erlebnis mit Web­stream lassen da gewisse Zweifel aufkommen. Die Argumentation, der Empfang sei bessere Qualität als der UKW-Empfang, lässt sich nur bedingt halten. Denn ein knisternder Empfang ist immer noch mehr als ein „not available“, was aber offenbar noch regelmäßig auftritt, wenn man sich die Rezensionen zu DAB-Geräten bei Amazon & Co. durchliest. Da wird der vermeintliche Qualitäts­vorteil zum Bumerang. Ebenso wie digitales Fern­sehen, bei dem das Bild nicht schlechter wird, sondern einfach nicht mehr empfangen werden kann, gibt es nur zwei Status: hören und nichts hören.

Der vermeintliche Vorteil der regionalen Begrenzung der (öffentlich-rechtlichen) Sender dürfte insbesondere für Bürger an Landesgrenzen einen erhöhten Spaßfaktor beim Empfang bringen. Je nach Wetterlage gibt es dann mal vom eigenen, mal vom Nachbarbundesland die Radiostation. Denn es gibt keine Frequenzsuche, man muss nehmen, was kommt – oder eben auch nicht. Grundsätzlich auffällig ist, dass sehr häufig das Adverb „bald“ in den Erläuterungen verwendet wird. Das ist ein dankbares Wörtchen, denn die vermeintliche Nähe eines Ereignisses ist in Wahrheit unbestimmt und lässt alle Optionen offen. Häufig wird in Erläuterungen eine Zusicherung gemacht, die ein Nachsatz signifikant relativiert:

«Wohnen Sie im dunkelblauen Bereich, so können Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Digitalradio innerhalb von Gebäude (z. B. zu Hause) empfangen. In diesem Bereich ist natürlich auch der mobile Empfang möglich.

Bitte beachten Sie, dass es aufgrund der Baubeschaffenheit Ihres Hauses/des Gebäudes dennoch zu Empfangsbeeinträchtigungen kommen kann.»
Fragen und Antworten zum Empfang

Besonders unterhaltsam ist die Weiterleitung „Jetzt verfügbare Autoradios entdecken“ (selbe Seite, Stand 10.03.2013). Da landet man auf der Seite „404 nicht gefunden“. Immerhin mal etwas anders als „bald“. Der Tipp, man möge sich bei Unklarheit der Empfangs­situation von Bekannten oder Freunden ein DAB-Gerät für einen Test vor Ort leihen, ignoriert die Lebens­realität, dass Freunde und Bekannte häufig im Umkreis wohnen. Da darf erwartet werden, dass man mitbekommt, wenn jemand einen dicken Hals hat, weil man mit neuer Technik alte Frequenzen - nämlich über UKW - hören kann. Das wird ebenfalls auffällig häufig betont, dass das mit DAB-Geräten immer ginge. Also neue Technik mit integriertem Notprogramm.

Die Geräteauswahl auf „digitalradio.de“ entlockt dem Interessent womöglich ein amüsiertes Grinsen. Denn dort lässt sich tatsächlich als Ausstattungs­merkmal „Webradio“ wählen. Damit wird die Annahme untermauert, dass DAB und Webradio auf demselben technischen Level operieren:

«Dieses schicke Hybrid-Radio bietet neben dem Empfangen von UKW Radiosendern auch die Möglichkeit digitale Radiosender über DAB+ oder Internet zu empfangen.»
Beschreibung DUAL RadioStation IR 6

Dann doch lieber die App fürs Smartphone, mit dem lässt sich zusätzlich noch telefonieren und UKW-Empfang ist meistens ebenfalls mit drin. Also identisches Notprogramm, aber erheblich umfassendere zusätzliche mediale Inhalte – was ja ein weiterer Vorteil der DAB-Technologie sein soll.

Für Leute in Holzminden, oder Berufsfahrer an der B45 inkl. der damit verbundenen Ortschaften – um nur ein paar herauszugreifen (Stand: 10.03.2013) – ist die Entscheidung einfacher: Bleib bei dem was du hast, DAB funktioniert sowieso nicht und wenn, dann nur eher zufällig. Oder bald. Oder mit dem Mobiltelefon, denn da ist zwar kein DAB drin, aber mit Web-Flatrate hat man eine echte Zukunftstechnologie mit außerordentlicher Vielfalt in der Hand, statt eines teuren Spielzeugs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit begrenztem Nutzen.

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